Er war dreiundzwanzig, und um ihn herum waren alle jung, attraktiv, klug und glamourös. Alle dachten, sie würden jahrzehntelang Freunde bleiben, für immer. Doch natürlich war es den meisten anders ergangen. Während man älter wurde, erkannte man, dass die Eigenschaften, die man an den Menschen schätzte, mit denen man schlief oder ausging, nicht unbedingt die Eigenschaften waren, mit denen man zusammenleben oder zusammen sein oder sich durch den Tag kämpfen wollte. Wenn man klug war und wenn man Glück hatte, begriff man das und akzeptierte es. Man fand heraus, was einem am wichtigsten war, und suchte danach, und man lernte, realistisch zu sein. Sie wählten alle unterschiedlich. (…) In seinen Dreißigern hatte er sich die Beziehungen mancher Leute angeschaut und die Frage gestellt, um die unzählige Gespräche auf Dinnerpartys gekreist waren (und noch immer kreisten): Was geht da vor sich? Doch heute betrachtete er die Beziehungen der Menschen als Spiegelbilder ihrer tiefsten, aber unsagbarsten Begierden, sah darin ihre Hoffnungen und Unsicherheiten, die sich in Gestalt einer anderen Person manifestiert hatten. Jetzt betrachtete er Paare – in Restaurants, auf der Straße, auf Partys – und fragte sich: Warum seid ihr zusammen? Für welche grundlegenden Eigenschaften habt ihr euch entschieden? Was fehlt euch, dass ihr es in jemand anderem sucht? Eine erfolgreiche Beziehung war für ihn jetzt eine, in der beide Partner die beste Eigenschaft des anderen erkannt und beschlossen hatte, sie wertzuschätzen.
Hanya Yanagihara / Ein wenig Leben