Etwas peinlich war auch, dass viele den zweiten Song am besten fanden. Einige waren dagegen der Meinung, der dritte sei der Beste gewesen und vielleicht auch der erste. Dagegen schien niemand den vierten Song vorzuziehen, den Einzigen, bei dem wir richtig gespielt hatten. Wir hatten nicht den Mut, ihnen zu sagen, dass es alle vier Male das gleiche Stück gewesen war, nur in unterschiedlichen Stadien der Panik.

Mikael Niemi / Populärmusik aus Vittula

Für jedes Gefühl, ob konkret oder vage, hatte immer irgendeine Sprache eine Bezeichnung parat. Auf Papua-Neuguinea: awumbuk. Die Leere, die entsteht, nachdem ein nerviger Gast gegangen ist. Der französische Ausdruck l’appel du vide: der nicht-suizidale Drang, von der Straße abzukommen. Oder depaysement: In einem fremden Land Dinge zu tun, die der eigentlichen Persönlichkeit widersprechen.

Lotta Elstad / Mittwoch also

Das Fragment, wissen wir, ist das unendliche Versprechen der Romantik, das noch immer wirkmächtige Ideal der Moderne, und die Dichtkunst seither wie keine andere literarische Gattung mit der vielsagenden Leere, dem die Projektionen nährenden Weißraum, verbunden. Gleich Phantomgliedern scheinen die Punkte mit den Wörtern verwachsen, behaupten eine verlorene Vollkommenheit. Unversehrt wären uns Sapphos Gedichte so fremd wie die einst grellbunt bemalten antiken Skulpturen.

Judith Schalansky / Sapphos Liebeslieder (aus: Verzeichnis einiger Verluste)

Es wäre doch höchst unnormal, wenn man nicht gelegentlich krank wäre. Weshalb also fragen Sie Ihren Arzt: ‚Mit mir stimmt doch etwas nicht, hab ich Recht, Herr Doktor?‘. Es würde mit Ihnen etwas nicht stimmen, wenn Sie nicht gelegentlich krank wären. Ein rationaler Mensch sollte also sagen: ‚Mit mir stimmt etwas, Herr Doktor, ich bin mal wieder krank!‘

Ajahn Brahm / Die Kuh, die weinte

Die Filme lagerten in einem gesonderten Regal hinter einem schweren Vorhang und trugen Namen wie Tina, eine Tonne pure Lust oder Feuchtes Fotzenfleisch am Spieß. Besonders beliebt waren auch die Filme des italienischen Pornodarstellers Rocco Siffredi: Rocco Siffredi bumst Budapest. Und der zweite Teil Rocco Siffredi bumst ganz Budapest.

YouPorn und und Facebook lagen noch in ferner Zukunft, wenigstens das. Die Bravo prägte unser Vokabular. Wir benutzten das Wort Petting ohne Ironie. Es war die Zeit von Kuhfellen, Gina Wild, Nokia-Telefonen, Aufblassesseln und Lavalampen. Während Helmut Kohl das Land regierte, knutschten, schwammen, träumten, froren wir – und das Chlorwasser wusch uns den blaumetallischen Eyeliner von den Lidern.

Nora Gantenbrink / Dad

Die Zeiten, in denen er jedermann ‚Was denkst du?‘ und ‚Was machst du?‘ gefragt hat, sind vorbei. Koberling kann sich nicht vorstellen, diese Fragen überhaupt je gestellt zu haben. Widerliche, fast peinvolle Erinnerung an nächtelanges Kneipenhocken, an Idealaustausch, Illusionszertrümmerung, emporgezüchtete Gemeinschaftlichkeit. Verlogen, alles, denkt Koberling. Annas Clownsvater hat immer nur gewartet, bis ich aufgehört habe zu reden, damit er dann anfangen konnte mit seinen Utopien, seinen versponnenen Wirklichkeiten. Und ich genauso. Ich habe gegen ihn angeredet, ich wollte ihn unter den Tisch reden, und eigentlich hätten wir wirklich den Mund halten sollen.

Judith Hermann / Diesseits der Oder (aus: Sommerhaus, später)

In meiner Erinnerung verschmelzen all die Kneipen zu einer einzigen. Eine verrauchte Wartehalle ist das, mit vergilbten Tapeten und blinden Fenstern, Toiletten übern Hof, alles wirkt wie in Staub gefallen und vorbei. Ein trauriger Ort, an dem alle Sehnsüchte nach dem Eintreten rechts neben der Tür wie Schirme an Kleiderhaken gehängt und meist vergessen werden. Es atmet sich schwer dort, wo die Luft von Biernebel und Zigarettendunst undurchdringlich geworden ist. An den Tischen sitzen unbeweglich Menschen, manchmal in Gruppen, meist allein. Und selbst wenn die Sonne scheint, draußen vor der Tür, bleibt drinnen alles trübe. Es gibt keine Jahreszeiten und keine Wochentage, kein morgens oder abends. Nur zähes Warten. Darauf, dass der Wirt die Aschenbecher leert, ein neues Bier zapft, abkassiert, jemand hereinkommt, hinausgeht, irgendwas passiert.

Manja Präkels / Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

There is this idea that you either read to escape or you read to find yourself. I don’t really see the difference. We find ourselves through the process of escaping. (…) Every book written is the product of a human mind in a particular state. Add all the books together and you get the end sum of humanity. Every time I read a great book I felt I was reading a kind of map, a treasure map, and the treasure was being directed to was in actual fact myself. But each map was incomplete, and I would only locate the treasure if I read all the books, and so the process of finding my best self was an endless quest. And books themselves seemed to me to reflect this idea. Which is why the plot of every book ever can be boiled down to ’someone is looking for something‘.

Matt Haig / Reasons to Stay Alive

Er war dreiundzwanzig, und um ihn herum waren alle jung, attraktiv, klug und glamourös. Alle dachten, sie würden jahrzehntelang Freunde bleiben, für immer. Doch natürlich war es den meisten anders ergangen. Während man älter wurde, erkannte man, dass die Eigenschaften, die man an den Menschen schätzte, mit denen man schlief oder ausging, nicht unbedingt die Eigenschaften waren, mit denen man zusammenleben oder zusammen sein oder sich durch den Tag  kämpfen wollte. Wenn man klug war und wenn man Glück hatte, begriff man das und akzeptierte es. Man fand heraus, was einem am wichtigsten war, und suchte danach, und man lernte, realistisch zu sein. Sie wählten alle unterschiedlich. (…) In seinen Dreißigern hatte er sich die Beziehungen mancher Leute angeschaut und die Frage gestellt, um die unzählige Gespräche auf Dinnerpartys gekreist waren (und noch immer kreisten): Was geht da vor sich? Doch heute betrachtete er die Beziehungen der Menschen als Spiegelbilder ihrer tiefsten, aber unsagbarsten Begierden, sah darin ihre Hoffnungen und Unsicherheiten, die sich in Gestalt einer anderen Person manifestiert hatten. Jetzt betrachtete er Paare – in Restaurants, auf der Straße, auf Partys – und fragte sich: Warum seid ihr zusammen? Für welche grundlegenden Eigenschaften habt ihr euch entschieden? Was fehlt euch, dass ihr es in jemand anderem sucht? Eine erfolgreiche Beziehung war für ihn jetzt eine, in der beide Partner die beste Eigenschaft des anderen erkannt und beschlossen hatte, sie wertzuschätzen.

Hanya Yanagihara / Ein wenig Leben
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