Vielleicht ist es wie mit einem Fotoalbum: Oft liegen die lustigsten, ehrlichsten und authentischsten Bilder lose hinten im Buch. Die Bilder, die am Rande offizieller Anlässe wie Urlaub, Preisverleihung oder der Feier zum 50. Geburtstag entstanden sind. Die Bilder, bei denen nicht posiert wurde. Die man mit Absicht nicht eingeklebt hat, weil sie unscharf oder verwackelt sind. Die oft unbeachtet bleiben, aber die man dennoch nicht wegwerfen kann, weil sie beim Anschauen etwas in unserem Innern bewegen. Weil sie so voller Leben sind.

Louise Brown / Was bleibt, wenn wir sterben

But then again I wonder if what we feel in our hearts today isn’t like these raindrops still falling on us from the soaked leaves above, even though the sky itself long stopped raining. I’m wondering if without our memories, there’s nothing for it but for our love to fade and die.

Kazuo Ishiguro / The Buried Giant

A culture that denies its natural empathy is dehumanized. The mind cannot deny the heart, not for long. The body cannot sustain this. This denial breaks the body down. Humans cannot deny their humanity, not for long. As a culture, we are beginning to remember this. In order to be healthy and whole, we must be in touch with ourselves, our communities and our environment. African traditional healer and scholar Dr. Malidoma Somé has diagnosed Western society as being disconnected from three basic human neccessities: nature, community, and ritual.

Joseph Tafur / The Fellowship of the River

Es gab Tage, an denen ich mir mehr als alles andere wünschte, normal zu sein, mir die Dinge zu wünschen, von denen die meisten Gleichaltrigen träumten. Wo ich mir wünschte, mit einem unbedingten Ja in mir aufzuwachen, es hinauszuschreien, zu Miro zu rennen, ihm zu sagen, dass wir zum Standesamt gehen und uns die offizielle Legitimation unserer Liebe und ein offizielles Bett verschaffen sollten. Wo ich allen um mich herum beweisen wollte, dass ich gar nicht so kompliziert war, wie man es mir zu verstehen gab, sondern die gleichen Dinge wollte wie die anderen. Eine kleine Mietwohnung mit einem alten Gasherd, im Ofen einen Apfelkuchen backen, eine Wäscheleine quer durch das Wohnzimmer, an der Miros Wäsche trocknen konnte. Nein, ich würde unweigerlich anfangen, ihn zu hassen, ihn strafen dafür, dass er mit mir nichts gewagt hatte, dass wir unsere Ängste und Grenzen nicht überwunden haben, dass wir Gefangene unserer selbst geblieben waren. Ihm vorwerfen, mich daran gehindert zu haben, die zu werden, die ich vielleicht hätte werden sollen.

Nino Haratischwili / Das achte Leben (Für Brilka)

Es gibt einen Fetisch des imaginierten Regelbruchs, und dieser Fetisch ist vor allem für Leute interessant, die sich nicht trauen, tatsächliche Regeln zu brechen. Sie tun so, als gäbe es ein Tabu – egal ob aus vorauseilendem Gehorsam oder aus rhetorischen Gründen –, und vollziehen dann in einem gefühlten Regelbruch das, was nach außen mutig wirken soll, in Wirklichkeit aber längst mehrheitstauglich ist. Sie denken, das ist Punk, aber es ist kein Punk. Es ist eher Helene Fischer. Wenn sie dann dafür kritisiert werden, müssen sie nicht inhaltlich antworten, sondern können guten Gewissens sagen: Siehst du, man darf das wohl nicht sagen. Ein fast genialer Schutzmechanismus, aber nur fast. Nun ist aber leider Regelbruch, weder tatsächlicher noch gefühlter, gar kein Wert an sich, sobald man über fünf Jahre alt ist. Und es ist noch viel schlimmer. Rhetorisches Helenefischern führt dazu, dass sich Fronten verhärten und Stimmungen verstärken. Weil aus Menschen mit Unsicherheiten plötzlich Hobbymärtyrer werden, sie sich für die Wahrheit meinen opfern zu müssen. Und das ist gefährlich.

Margerete Stokowski / Diese laschen Hobbymärtyrer (aus: Die letzten Tage des Patriarchats)

Ralph wählte diesen festen Streifen und ging los, denn er musste nachdenken, und nur hier konnte er seine Schritte setzen, ohne weiter darauf achten zu müssen. Wie er so am Wasser ging, überkam ihn plötzlich eine erstaunliche Erkenntnis. Er begriff, wie anstrengend dieses Leben war, bei dem jeder Weg Improvisation bedeutete und man einen Großteil des Tages damit zubrachte, auf jeden Schritt zu achten.

William Golding / Herr der Fliegen

In ihren Armen und an ihrer Brust und ihrem Bauch geborgen dachte sich’s weich und leicht. Sein Kopf lag an ihrem Hals auf ihrer Schulter – so behütet, dachte er, fühlt sich ein Pferd, wenn es seinen Kopf auf den Nacken eines anderen Pferds legt.

Bernhard Schlink / Daniel, my brother (aus: Abschiedsfarben)

Trotzdem immer etwas wollen, nur um etwas zu wollen, weil man im Grunde nicht weiß, was schön ist, was einem gefallen soll. Mein Vater verließ sich bei der Auswahl von Farben und Materialien immer auf den Rat des Malers oder Schreiners, er nahm das, was üblich war. Er ließ nicht einmal den Gedanken zu, man könnte sich mit Gegenständen umgeben, die man gezielt ausgesucht hatte. Ihr Schlafzimmer war schmucklos, nur ein paar gerahmte Fotos und zum Muttertag gehäkelte Spitzendeckchen, auf dem Kamin die große Keramikbüste eines Kindes, die ihnen der Möbelhändler beim Kauf eines Ehebetts als Prämie dazugegeben hätte. Leitmotiv: Nicht zu hoch hinauswollen.

Annie Ernaux / Der Platz

How can I trust what anybody else stands for if I don‘t know what I myself am about? It‘s true that if people generally approve of what I‘m saying, it is easier to believe that what I‘m saying has worth. But when they stop approving, where will that leave me? Unable to ascertain whether or not what I have to say has any validity? I have to get a sense of my motives beyond the blinkered duality of approval or disapproval. It doesn‘t define me. I was born fallible and I‘ll die fallible, just like everyone else, no matter how much goes right or wrong in my life.

Problem is, I left my creative compass to rust while I navigated life by other people‘s standards, and now, when I really need it, it‘s stuck and I don‘t know which way to go.
I must know myself outside of what I produce, because who I am has got nothing to do with what I am capable of generating, what I fail at or what I achieve. Everybody fails. Life itself is failure: eventually, it ends. That doesn‘t make it any less powerful.

Kae Tempest / On Connection

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