Er wollte wissen, was für ein Leben sie führen würden, zu Hause in Deutschland, es müsse ‘ein ungewöhnliches Leben sein’. ‚Es ist nicht ungewöhnlich’, sagte Ellen. ‚Viele Leute leben so. Sie reisen und sehen sich die Welt an, und dann kommen sie zurück und arbeiten, und wenn sie genug Geld haben, fahren sie wieder los, woanders hin. Die meisten. Die meisten Leute leben so.’ Sie erzählte von Berlin und von dem Leben in Berlin, sie versuchte, es zu beschreiben, die Tage und die Nächte, ihr kam alles etwas verwirrend vor, durcheinander und ziellos, ‚Wir machen dies und wir machen jenes’, sie hatte das Gefühl, es nicht richtig beschreiben zu können. Geld verdienen, mal so und mal so. Nächtelang in sich überschlagender Euphorie unterwegs sein und dann wieder Abende, in denen sie um zehn Uhr ins Bett gingen, müde, erledigt, hoffnungslos. Ein Freundeskreis. Eine Art von Familie. Ein offenes Ende? Für immer?

Judith Hermann / Nichts als Gespenster

Wie es komme, daß die Menschen glückselig vor dem Fernseher säßen, Abend für Abend, süchtig nach dem Immergleichen, nach ihren Serien zum Beispiel, nach ihren Quizsendungen und so fort, deren Beliebtheit offenbar darin bestehe, daß sie das Immergleiche unablässig repertierten. Wie es komme, daß Hunderttausende auf den Schnauzbart eines Moderators oder Talkmasters fixiert seien und ein Aufheulen durchs Land gehe, wenn der Moderator oder Talkmaster urplötzlich ohne Schnurrbart auftrete. Wie sich erklären lasse, daß sich der Wunsch nach ödester Gleichförmigkeit nur vor dem Bildschirm rege, nicht aber im restlichen Ehealltag. Kaum nämlich habe man sich aus dem Fernsehsessel erhoben, denke man schon an Scheidung, nur weil der Partner sich die Zähne so wie gestern putze und anschließend gurgle wie immer. Wonach, Herr Clarin, steht unserer Natur nun eigentlich der Sinn?

Markus Werner / Am Hang

I’m like an old golf-ball – I’ve had all the white paint knocked off me long ago. Life can whack me about now and it can’t leave a mark. But a sportin’ risk, young fellah, that’s the salt of existence. Then it’s worth livin’ again. We’re all gettin’ a deal too soft and dull and comfy.

Sir Arthur Conan Doyle / Lost World

Sie lebte mit der Vorstellung, daß Probleme sich materialisierten, wenn man sie beim Namen nannte, und sich dann nicht mehr ignorieren ließen, daß sie aber mit der Zeit von selbst verschwinden konnten, wenn man sie im Limbus der ungesagten Worte festhielt.

Isabel Allende / Das Geisterhaus

Zweifellos, eine ärmliche Tasche, diese erste Tasche. Aber war es ihm denn um die Tasche zu tun gewesen? Sieben Mark zwanzig, zwei Schlüssel, ein zerknülltes Taschentuch, ein gesprungener Spiegel. Er hatte aber noch fünfhundert Mark im Haus. Was gingen ihn Taschen an!

Ihn ging an: der angstvolle Blick, die fliehende Gestalt, das schmerzliche Schreien; ihn ging an, daß er nicht mehr der Letzte, der Getretenste von allen war, sondern daß auch er noch treten und Schmerzen bereiten konnte.

Ja, sieh einmal, du brauchst wahrhaftig nicht jeden Abend loszugehen und eine Tasche zu klauen und einem Mädchen ins Gesicht zu schlagen. Das hast du nicht nötig. Aber wenn dir so ist, dann wirst du es tun. Und wenn die Welt vorher grau war und zerschlagen, so ist sie hell von neuem, wenn du den Schlag führst, und hell, weil auch andere Schmerzen leiden.

Hans Fallada / Der Trinker

Auch unten empfindet man Lust und Leid, Magda, es ist genau wie oben, es ist gleich, ob man oben oder unten lebt. Es ist vielleicht das Schönste, sich fallen zu lassen, mit geschlossenen Augen ins Nichts zu stürzen, immer tiefer in das Nichts. Man kann unendlich fallen, Magda, ich bin noch nicht unten angelangt, ich bin noch nicht aufgeprallt, alle meine Glieder sind noch heil …

Hans Fallada / Wer einmal aus dem Blechnapf frißt

Der Kummer und der Schmerz versteckten sich nur im Jetzt, das bei ihr kein Augenblick war, sondern zu einer grenzenlosen Welt verschwamm, von der sie sich ganz verschlucken ließ, die sie bewohnte, in der sie aufging und die sie war, wie sie auch ihr heillos unordentliches Zimmer und ihr Dasein im ‘endlosen Sommer’ auf dem Hof war, als gäbe es nichts anderes, und als ob die Zukunft nie kommen würde, was die meisten Menschen, die ihr begegneten, charmant und beneidenswert fanden, etwas, ‚wovon wir anderen uns wirklich eine Scheibe abschneiden können’, worauf sie sich wieder der Welt und der Zeit und all dem, was man erreichen soll, zuwandten und Ausbildungen, Partner und Kinder bekamen und erst eine Vertretungsstelle und einen festen Job, den sie nach ein paar Jahren für einen anderen, anspruchsvolleren und einen anderen, dynamischeren Partner verließen, was und wer auch immer sie auf Trab halten und weiterbringen würde, und vielleicht erst viele Jahre später begegneten sie dem Mädchen ganz zufällig auf der Straße und sahen, dass sie noch immer haargenau dieselbe war, an der zuerst die Zeit und dann die Zukunft vorübergegangen war, mit dem Ergebnis, dass sie genau die Üppigkeit, die sie zwanzig Jahre früher verführerisch gefunden hatten, jetzt bloß schlaff und konturlos, nicht mehr üppig, sondern schamlos (oder hoffnunglos) übergewichtig fanden, wie auch das Leben in ihren immer noch flackernden Augen sie schaudern, rasch auf ihr Handy schauen und sagen ließ, es sei nett, sich wiedergesehen zu haben, lass uns die Tage mal treffen, ich muss dringend los, bis bald!, und ihr den Rücken zuzukehren und mit dem schaudernden Gefühl von Erleichterung und Scham um die Ecke zu verschwinden, das einem bleibt, wenn man für einen kurzen Moment dem Selbstbetrug in die Augen gesehen und gemerkt hat, dass es das Allerschlimmste ist, weit schlimmer als dein eigener Verrat.

Madame Nielsen / Der endlose Sommer

‘Ich wäre gerne weiter, als ich bin.’
Sie kuschelte sich an seine Seite. ‚Das Gefühl kenne ich. Aber ist es nicht so, dass wir in Schüben weiterkommen? Lange tut sich nichts, und plötzlich erleben wir eine Überraschung, haben eine Begegnung, treffen eine Entscheidung und sind nicht mehr dieselben wie zuvor.’
‚Nicht mehr dieselben wie zuvor? Ich war vor einem halben Jahr auf einem Klassentreffen, und die, die in der Schule anständig und angenehm gewesen waren, waren’s immer noch, und die Arschlöcher waren immer noch Arschlöcher. Den anderen wird es mit mir nicht anders ergangen sein. Für mich war es ein Schock. Da arbeitet man an sich, denkt, man verändert und entwickelt sich, und die anderen erkennen einen sofort als den wieder, der man schon immer war.’

Bernhard Schlink / Nachsaison (aus: Sommerlügen)

Wir sind Typen, die Scheiße bauen, Frank, also müssen wir mit Menschen zusammen sein, die Scheiße bauen. Ich finde das ganz logisch. Aber das sind doch deshalb keine schlechten Menschen, oder? Wenn man einmal Pech hat, heißt das doch nicht, dass man immer Pech hat, oder? Es gibt Leute, die fallen so oft auf die Schnauze, dass sie irgendwann mal Glück haben müssen. Nicht jeder ist verflucht, glaube ich jedenfalls.

Willy Vlautin / Motel Life

Irgendein Spinner erzählte mir mal, Gespenster, vor denen sich keiner mehr fürchtet, verwandeln sich früher oder später in gewöhnlichen Wind. Falls das wirklich so ist, werde ich irgendwann wohl das Glück haben, auf dem Dachboden meinen eigenen Wind zu besitzen. Ich gehe deshalb jeden Tag hinauf und öffne die Truhe, damit sich der Wind an mich gewöhnt. Bloß muss ich währenddessen alle Türen geschlossen halten. Wenn dann aber die heißen Sommertage kommen, lasse ich den Wind heraus und nach meinem Gusto wehen.

Anina Tepnadse / Das Haus (aus: Bittere Bonbons – Georgische Geschichten)
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