Die Zeiten, in denen er jedermann ‚Was denkst du?‘ und ‚Was machst du?‘ gefragt hat, sind vorbei. Koberling kann sich nicht vorstellen, diese Fragen überhaupt je gestellt zu haben. Widerliche, fast peinvolle Erinnerung an nächtelanges Kneipenhocken, an Idealaustausch, Illusionszertrümmerung, emporgezüchtete Gemeinschaftlichkeit. Verlogen, alles, denkt Koberling. Annas Clownsvater hat immer nur gewartet, bis ich aufgehört habe zu reden, damit er dann anfangen konnte mit seinen Utopien, seinen versponnenen Wirklichkeiten. Und ich genauso. Ich habe gegen ihn angeredet, ich wollte ihn unter den Tisch reden, und eigentlich hätten wir wirklich den Mund halten sollen.
Judith Hermann / Diesseits der Oder (aus: Sommerhaus, später)