Sie wollte hineinsteigen in diesen Kopf und sich umsehen und sich dann einfach einrollen in irgendeiner Windung seines wunderschönen Gehirns und für immer dortbleiben.
Alena Schröder / Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
Sie wollte hineinsteigen in diesen Kopf und sich umsehen und sich dann einfach einrollen in irgendeiner Windung seines wunderschönen Gehirns und für immer dortbleiben.
Alena Schröder / Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
Wie sind wir im Leben der anderen präsent, in ihren Erinnerungen, ihrer Persönlichkeit, sogar ihren Handlungen? Extremes Missverständnis zwischen dem Einfluss der zwei Nächte mit diesem Mann auf mein Leben und meiner kompletten Abwesenheit in seinem.
Ich beneide ihn nicht, ich bin es, die schreibt.
Annie Ernaux / Erinnerung eines Mädchens
Auf die Gefahr hin, sich Reibereien mit ihren Arbeitskollegen und Geldstrafen einzuhandeln, reagierte sie, indem sie mir praktisch erklärte, dass ich gar nichts gewonnen hatte, dass es auf der Welt überhaupt nichts zu gewinnen gab, dass ihr Leben genauso wie meines voller außergewöhnlicher und unsinniger Abenteuer war und dass die Zeit ganz einfach ohne jeden Sinn verrann und es nur schön war, sich hin und wieder zu sehen, um den verrückten Klang des Gehirns der einen als Echo im verrückten Klang des Gehirns der anderen zu hören.
Elena Ferrante / Die Geschichte eines neuen Namens
Heutzutage ist eine gewisse Nostalgie in Bezug auf das Leben vor dem Internet verbreitet. Wie war es damals, in einem Zustand des ständigen Nicht-Wissens herumzulaufen, immer auf der Suche nach Informationsfetzen? Unterscheidet sich das, was wir heute aus einer Performance ziehen von dem, was es damals war? Nein, es ist genau das Gleiche: das Bedürfnis nach Transzendenz oder vielleicht auch nur nach Ablenkung – ein Tag am Strand, ein Ausflug in die Berge – von der Monotonie des Lebens, der Langeweile, des Schmerzes, der Einsamkeit. Vielleicht ist das alles, was künstlerische Darbietungen streng genommen schon immer waren. Ein endlos dauernder Kuss – etwas anderes wollten wir nie spüren, wenn wir Geld dafür bezahlten, jemanden spielen zu hören.
Kim Gordon / Girl in a Band
Sie war so. Sie zerstörte ein Gleichgewicht, nur um zu sehen, wie sie es auf andere Weise wiederherstellen konnte.
Elena Ferrante / Meine geniale Freundin
In einer Winternacht begegnete er einer Waschbärin, mit der er sich paarte. Als er zu Hause wieder denken und empfinden konnte wie ein Mensch, wunderte ihn die Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit dieser Episode. Die Menschen machten um ihre Paarung ein Gewese, mit Liebesfilmen, Dating-Apps, Hochzeitskatalogen, Flirtkursen, Tanzschulen… Wenn man erstmal anfing, hinter allem, was Menschen taten, verborgene Paarungsaktivitäten zu vermuten, fand man gar nicht mehr raus aus dem Dschungel. Aber sich als Waschbär zu paaren war kein Riesending. Nichts, worüber sich ein Film lohnte oder wozu man sich verabreden musste.
Thomas Brussig / Die Verwandelten
Meine Rache ist eher still.
Und wenn ich genau darüber nachdenke, ist meine köstlichste Rache, nenn das überheblich, Mads, wenn ich das Gefühl habe, erfolgreicher, besser, effektiver zu sein als Menschen, die mir gegen den Strich gehen, die vielleicht meine kleine, stille, persönliche Rache verdient haben, weil ich sie falsch, hinterlistig oder zu geltungsbedürftig finde. Erzählt mir also nicht, wie toll ihr seid. Ich werde mich nicht dafür begeistern. Ich kann immer einen drauflegen, irgendwie, ich kann das immer irgendwie toppen, aber genau das werde ich euch nicht sagen, ich werde es kaum jemandem erzählen, ich werde es einfach tun und als meinen kleinen Triumph feiern und dann weitermachen.
Beck, Ebeling, Greiner, Pankow / Liebe, Körper, Wut und Nazis
Weil man nicht gleich alles aufgeben, Arbeit und Wohnung kündigen und aufs Land ziehen wollte, ein Plan, den man immer wieder verschob, den man aber ganz sicher irgendwann verwirklichen würde, verbrachte man den Urlaub in abgelegenen Dörfern und öden Landstrichen. Als glühender Anhänger einer Rückkehr zur Natur verschmähte man den Strandurlaub, bei dem man nur ‚wie die Sardinen‘ in der Sonne lag, und den Urlaub in der Heimat, die von der Industrialisierung ‚verschandelt‘ war. Man fand, die armen Bauern, die ihre dürren Böden beackerten und scheinbar noch so lebten wir vor Jahrhunderten, hätten sich ihre ‚Authentizität‘ bewahrt. Ausgerechnet jene Menschen, die Geschichte schreiben wollten, begeisterten sich für nichts so sehr wie für ihr Verschwinden im Wechsel der Jahreszeiten und den immergleichen Handgriffen – und sie kauften den Bauern ihre baufälligen Höfe für einen Spottpreis ab.
Annie Ernaux / Die Jahre
Wir sterben nicht in Schönheit, es ist völlig sinnlos, sich immer benehmen zu wollen (und wenn man es versucht, wird man eine sehr, sehr langweilige Version von sich selbst).
Kathrin Weßling / Nix passiert
Es müsse doch möglich sein, keine Mutter zu werden, fordert Donath. Einfach so, ohne andere Pläne zu haben. Man soll keine Karriere machen müssen, um keine Kinder kriegen zu dürfen. Die ausbleibende Mutterschaft dürfe nicht nur als Opfer verstanden werden, zugunsten eines anderen Ziels, sondern diene selbst als ein Plan für ein sinnvolles Leben. Eines Lebens, dessen Sinn nicht nur im Nutzwert besteht. Und das auch darin seinen Sinn haben könne, und ich liebe Donath für dieses Bild, den ganzen Tag Papierflieger auf eine Wand zu werfen, ohne den Ehrgeiz, eine bestimmte Stelle zu treffen.
Isabelle Lehn / Frühlingserwachen