Er wusste, dass er, Millat, ein Paki war, ganz gleich, wo er herkam, dass er nach Curry roch, keine sexuelle Identität hatte, anderen Leuten die Arbeitsplätze wegnahm oder keine Arbeit hatte und dem Steuerzahler auf der Tasche lag, oder alle Jobs nur an Verwandte vermittelte; dass er Zahnarzt werden konnte oder Ladenbesitzer oder Curryverkäufer, aber nicht Fußballspieler oder Filmemacher; dass er zurück in sein eigenes Land gehen sollte; oder hierbleiben und sich verdammt nochmal seinen Lebensunterhalt verdienen; dass er Elefanten verehrte und einen Turban trug; dass niemand, der wie Millat aussah oder wie Millat sprach oder wie Millat empfand, jemals in den Nachrichten auftauchte, es sei denn, er war gerade ermordet worden.

Zadie Smith / Zähne zeigen

Er verstand, dass Agnès wegmusste, er verstand sogar, dass das Unglück die Menschen nicht zusammenbringt, sondern sie voneinander entfernt, denn wenn man seinen Schmerz nicht zur Schau stellt, hat man meist diesen Reflex der Würde, und es war besser, zu verschwinden, als auf Knien auf dem Parkplatz eines Supermarktes zu weinen.

Véronique Olmi / Die Ungeduldigen

Das Mädchen war da und mit ihm eine Geschichte. Da waren die Narben an den Beinen. Manche hatten außen Narben, manche innen. Ob sie Geschwister hatte? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Nicht fragen. Es war immer besser, man kannte die Geschichte nicht. Jede Frage und jede Antwort spann einen Faden zwischen dem Mädchen und ihr. Wenn man von jemandem alles wusste, dann konnte man ihn an tausend Fäden halten.

Ewald Arenz / Alte Sorten

Wer als gesunder, gut situierter Mensch in einer Gesellschaft lebt, in der die Rechte marginalisierter Gruppen auf Teilhabe und Unversehrtheit nach wie vor nur eine untergeordnete Rolle spielen, der wird in einer Krise wie einer globalen Pandemie natürlich nicht verstehen, warum er plötzlich Rücksicht auf andere nehmen soll und warum sich die knapp 30,6 Millionen starke Risikogruppe nicht einfach wegsperren kann, damit er in seinem persönlichen Alltag bloß keine Abstriche machen muss.

Dana Buchzik / Warum wir Familie und Freunde an radikale Ideologien verlieren – und wie wir sie zurückholen können

Es gibt Leute, denen die Vergangenheit lieber ist, weil sie ihr einen ästhetischen oder kulturellen Wert beimessen. Mir nicht. Die Gegenwart stirbt, sobald sie Vergangenheit wird. Sie hat ihren Wert als Zugang zum Leben verloren. Sie gehört dazu, ich kann mich auf sie beziehen, aber sie hat nicht mehr diese Qualität, die jedem Augenblick, solange ich ihn erlebe, gegeben ist und die er verliert, wenn ich ihn nicht mehr erlebe.

Sartre in: Simone de Beauvoir / Die Zeremonie des Abschieds

Weitere Einladungen trafen ein. Wenn sie einen Anruf erwartete, zog sie ihre beste Hose an, trug den unauffälligsten Lippenstift, saß aufrecht an ihrem Schreibtisch, die Beine übergeschlagen, sprach gemessen und bestimmt. Doch ein Teil von ihr erstarrte immer vor Angst, die Person am anderen Ende der Leitung würde herausfinden, dass ihre Professionalität, das harte Verhandeln der Bedingungen, nur gespielt waren, dass sie in Wahrheit eine Arbeitslose war und den ganzen Tag in einem zerknitterten Nachthemd herumlief, und sie ‚Hochstaplerin!‘ nennen und auflegen. Doch es kamen noch mehr Einladungen.

Chimamanda Ngozi Adichie / Americanah

2013 versuchte die rot-grüne Regierung im Bundesland Bremen, dieses Gesetz zu lockern und Menschen die Möglichkeit zu schaffen, die Asche ihrer Angehörigen auch im heimischen Garten zu verstreuen. Der Kritik des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode zum Trotz, der von einer ‚Privatisierung von Tod und Trauer‘ gewarnt hatte (Zwischenfrage: Gibt es etwas Privateres als den Tod oder die Trauer?), ist das in Bremen seit 2015 möglich. In allen anderen Bundesländern, Berlin eingeschlossen, ist das noch immer nicht erlaubt.

Eric Wrede / The End

Das Problem, sagt Anthony, sei die Sauberkeit. Alle wollten vögeln wie die Blöden, das Vögeln gehöre zum Lifestyle, aber keiner dürfe sich schmutzig machen dabei. Er trinkt von seinem Wein und zündet sich eine Zigarette an. Das alles gehöre zusammen, die Rauchverbote und der sterile Sex. Es gebe sozusagen einen Kanonsex, sagt er und lacht. Das höchste Ziel dabei sei Hemmungslosigkeit ohne Kontrollverlust. Totale Kontrolle bei hemmungslosem Vögeln, ob Manja das nicht lustig finde?

Laura Freudenthaler / Schade, my love (aus: Der Schädel von Madeleine)

Die zweite Sitzung beginne ich, indem ich über meine Eltern rede, und schon nach wenigen Minuten winkt er ab. ‚Diese alten Kamellen muss ich gar nicht hören. Sagen Sie mir, was für Gedanken Ihnen auf dem Weg hierher durch den Kopf gegangen sind.‘ Ich sage ihm, dass ich an all die Leute denken musste, die ich bemitleidet oder verachtet habe, weil sie ‚ihre Ideale verraten‘ haben oder ‚bürgerlich geworden‘ sind, und von denen jetzt keiner allein oder pleite ist und zu einem Seelenklempner nach Arlington fährt.

Lily King / Writers & Lovers

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