Es gibt einen Fetisch des imaginierten Regelbruchs, und dieser Fetisch ist vor allem für Leute interessant, die sich nicht trauen, tatsächliche Regeln zu brechen. Sie tun so, als gäbe es ein Tabu – egal ob aus vorauseilendem Gehorsam oder aus rhetorischen Gründen –, und vollziehen dann in einem gefühlten Regelbruch das, was nach außen mutig wirken soll, in Wirklichkeit aber längst mehrheitstauglich ist. Sie denken, das ist Punk, aber es ist kein Punk. Es ist eher Helene Fischer. Wenn sie dann dafür kritisiert werden, müssen sie nicht inhaltlich antworten, sondern können guten Gewissens sagen: Siehst du, man darf das wohl nicht sagen. Ein fast genialer Schutzmechanismus, aber nur fast. Nun ist aber leider Regelbruch, weder tatsächlicher noch gefühlter, gar kein Wert an sich, sobald man über fünf Jahre alt ist. Und es ist noch viel schlimmer. Rhetorisches Helenefischern führt dazu, dass sich Fronten verhärten und Stimmungen verstärken. Weil aus Menschen mit Unsicherheiten plötzlich Hobbymärtyrer werden, sie sich für die Wahrheit meinen opfern zu müssen. Und das ist gefährlich.

Margerete Stokowski / Diese laschen Hobbymärtyrer (aus: Die letzten Tage des Patriarchats)

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