Gibt es ein Entweder-Oder? Ist man entweder Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener? Entweder Deutscher oder Amerikaner, Christ oder Jude? Hat das Reden keinen Zweck, weil es zwar hilft, den anderen zu verstehen, aber nicht, ihn zu ertragen, und weil das Entscheidende das Ertragen ist, nicht das Verstehen? Was aber das Ertragen angeht – erträgt man letztlich nur seinesgleichen? Natürlich kommt man mit Unterschieden zurecht, und wahrscheinlich kommt man ohne sie überhaupt nicht aus. Aber müssen sie nicht einen gewissen Rahmen wahren? Kann es gutgehen, wenn wir uns in unserer Verschiedenheit grundsätzlich in Frage stellen? 

Kaum hatte er sich die Fragen gestellt, erschrak er. Man erträgt nur seinesgleichen – ist das nicht Rassismus oder Chauvinismus oder religiöser Fanatismus? Kinder und Erwachsene, Deutsche und Amerikaner, Christen und Juden – wie sollten sie einander nicht ertragen? Sie ertragen einander überall auf der Welt, jedenfalls überall, wo die Welt so ist, wie sie sein sollte. Aber dann fragte er weiter, ob sie einander vielleicht nur ertragen, weil die einen oder die anderen aufgeben, was sie sind. Weil die Kinder erwachsen werden oder die Deutschen wie die Amerikaner oder die Juden wie die Christen. Fängt erst da der Rassismus oder religiöse Fanatismus an, wo man zu dieser Aufgabe nicht bereit ist?

Bernhard Schlink / Die Beschneidung (aus: Liebesfluchten)

Anfangs währte der Rausch eines neuen Erfolges Monate. Allmählich verflog er rascher – innerhalb von Wochen, dann Tagen oder gar Stunden. Heute verflüchtigt sich die Freude so rasch, daß sie mich kaum noch berührt. Heute glaube ich, die gesteckten Ziele waren Scheinziele – nie die Größe, welche dem unendlich vielversprechenden Knaben hätte beschieden sein sollen. Ich finde mich nicht mehr zurecht: Die alten Ziele locken nicht mehr, doch ebensowenig verstehe ich mich darauf, mir neue zu stecken. Wenn ich über mein Leben nachdenke, so fühle ich mich betrogen oder hereingelegt, als wäre mir ein kosmologischer Streich gespielt worden, als hätte ich mein Leben zur falschen Weise vertanzt.

Irvin D. Yalom / Und Nietzsche weinte

‘Haben Sie jemals geliebt?‘  
Sie gab sofort ihre Antwort: ‚Nein.’
‚Und dabei sind Sie doch so eine leidenschaftliche Natur.’
‚Gerade deswegen’, sagte sie. ‚Alle anderen Leute kommen mir lau und gleichgültig vor; so, als lebten sie nicht…’
Ich fühlte am Herzen einen Stich. ‚Ich lebe zum Beispiel nicht’, sagte ich.
‚Das haben Sie mir schon einmal gesagt’, meinte sie. ‚Aber es ist nicht wahr. Sie gehen bis zum Äußersten im Guten wie im Bösen; Sie ertragen das Mittelmäßige nicht; das bedeutet doch, daß Sie lebendig sind.’

Simone de Beauvoir / Alle Menschen sind sterblich

Sie verwandelte ihn in einen Mann, in eine Frau, ein Kind. Er hatte noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Es kam vor, dass er auf einer Party auf ihrem Schoß saß und hübsch für sie aussah und mochte, was ihre Augen mit seinem Gesicht anstellten. Ein Blick, und er wurde völlig albern und ausgelassen, gab Gas für sie. Noch ein Blick, ein Schlag ihrer Wimpern, und er wurde ernst, voll düsterer Leidenschaft, ein glimmendes Feuer. Was er alles für sie durchmachte. Sie steckte in ihm wie ein Fremdkörper. Wie Metall in einem lebenswichtigen Organ.

Kate Tempest / Worauf du dich verlassen kannst

Ruhm bewirkt nicht Einstellung der Kritik, nur wird erwartet, daß Kritik nicht mehr persönlich treffe, und das zu Recht, denn es wird Kritik nicht an einer Person und ihrer Arbeit, sondern am Ruhm. Die Gesellschaft braucht Berühmtheiten; wen sucht sie sich dafür aus?

Max Frisch / Montauk

An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los, im Bauch ein Gefühl wie Hühnerfrikassee: warm, weich und muskatig. (…) An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. An diesen Tagen ist alles zu laut, zu nah, zu präsent. Diesen Zustand als dünnhäutig zu bezeichnen wäre untertrieben, denn da ist keine Haut; sie hat sich über Nacht abgeschält, und die Organe liegen blank und pochen vor sich hin. Als Sieb ist immer Tag der offenen Tür (…) und ich taumele durch den Tag, immer auf der Suche nach etwas, woran ich mich festhalten kann.

Franziska Seyboldt / Rattatatam, mein Herz

Bevor man stirbt, fanden sie, sollte man wenigstens auf den letzten Drücker Wahrhaftigkeit ins Leben bringen. Und die verschwiegenen Wahrheiten, glaubten die Leute, sind die wahrhaftigsten überhaupt: Weil nie an ihnen gerührt wird, ist ihre Wahrhaftigkeit gestockt, und weil sie in ihrer Verschwiegenheit zur Bewegungslosigkeit verdammt sind, werden diese Wahrheiten im Lauf der Jahre immer üppiger. Nicht nur die Leute, die die verschwiegene und beleibte Wahrheit herumtrugen, auch die Wahrheit selbst glaubte an Wahrhaftigkeit auf den letzten Drücker. Auch sie wollte kurz vor knapp unbedingt hinaus und drohte, dass es sich mit einer verschwiegenen Wahrheit am Leib besonders qualvoll stürbe, dass es ein langwieriges Tauziehen geben würde zwischen dem Tod, der auf der einen Seite zieht, und der korpulenten Wahrheit, die auf der anderen Seite zieht, weil sie verschwiegen nicht sterben möchte, weil sie bereits ihr ganzes Leben lang bestattet war, weil sie jetzt wenigstens einmal kurz hinauswill, entweder um bestialischen Gestank zu verbreiten und alle zu erschrecken, oder um festzustellen, dass sie, bei Licht betrachtet, gar nicht so grauenhaft und furchterregend war. Kurz vor dem mutmaßlichen Ende will die verschwiegene Wahrheit dringend eine Zweitmeinung einholen.

Mariana Leky / Was man von hier aus sehen kann

Nein, keine Lehre konnte ein wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft finden wollte. Der aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre gutheißen, jeden Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen, welche im Ewigen lebten, welche das Göttliche atmeten.

Hermann Hesse / Siddhartha

Men who grow old alone have it easier than older women. They drink cheap booze and fall asleep, their breath stinks, then they wake up and start all over again; they tend to die young. Women take tranquillisers, go to yoga classes, see a shrink; they live a lot longer and suffer a lot more. They try to trade on their looks, even when they know their bodies are sad and ugly. They get hurt, but they do it anyway, because they can’t give up the need to be loved. That’s one delusion they’ll keep to the bitter end. Once she’s past a certain age, a woman might get to rub up again some guy’s cock, but she has no chance of being loved.

Michel Houellebecq / Atomised

I’m around death a lot. I can always feel it knocking at the door. I recently went on vacation with the band, my first vacation in ten years, and I noticed something interesting. Everyone wanted to go down to the beach during the day, and stare at the stars in the sky at night. I noticed that I seemed more bored with these activities than the others. I realized that people probably liked to look at the vast horizon of the beach and the endless sky at night because it took them out of their daily routine and reminded them about bigger things. But I never seem to stop thinking about these bigger things.

Mark Oliver Everett / Things The Grandchildren Should Know
Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten