Gatsby glaubte an das grüne Licht, die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals entwischte sie uns, aber was macht das schon – morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus … Und eines schönen Tages … So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.
Die Liebe ist ein Haus mit vielen Zimmern; hier haben wir das, in dem die Liebe genährt wird, dort unterhält man sie, hier ist das Zimmer, in dem sie sich waschen kann, dort wird sie angekleidet, in jenem wiederum darf sie sich ausruhen, und jeder dieser Räume kann ebenso gut der für das Lachen sein, der für das Zuhören, der, in dem man seine Geheimnisse erzählt, das Zimmer zum Trübsalblasen, das für die Entschuldigungen oder das, in dem man miteinander intim ist, und natürlich gibt es auch Räume für die Neuankömmlinge in diesem Haushalt. Die Liebe ist ein Haus, in dem neue Gefühle an jedem Morgen aus dem Wasserhahn sprudeln, die Abwasserrohre spülen alte Zwistigkeiten fort, und durch die offenen Fenster zieht strahlend die frische Luft der wiedergewonnenen Zuneigung ein.
Es beginnt mit einer Bemerkung meiner Mutter. Sie zeigt auf das Sandwich, das ich mir gerade mit einer dicken Schicht Butter bestrichen habe, und sagt, sie hoffe, dass ich doch wohl nicht “das alles” essen wolle. Da ich sie mit der Hochnäsigkeit meiner dreizehn Jahre ansehe, fügt sie hinzu, dass ich sonst zu viele Formen bekomme (schon wieder diese Formen!). Ich begreife es zwar, doch ich esse weiter nach Herzenslust, Brot, Butter, Wurst, wie jeden Nachmittag. Ich begreife es und komme dann ins Zweifeln und betrachte meinen Körper zum ersten Mal als ein Objekt, auf das ich einwirken kann. Dieser Satz meiner Mutter, ihre schonungslose Warnung, sagt mir, dass ich eine Wahl habe, dass ich in dieser Sache das Sagen habe. An diesem Tag werde ich mir meines Körpers bewusst, ich begreife, dass er mir gehört. Das ist der Beginn von Qualen, denn von da an werde ich ständig an ihn denken.
Ich fixierte das Foto auf dem Bildschirm: Eine Silikon-Koreanerin kniete vor einem beschnittenen Schwarzen. Ein sichtlich multikulturelles Bild. Politische Korrektheit ist nur in der Pornografie tolerabel, genau da gehört sie auch hin, dachte ich. Denn was ist politische Korrektheit anderes als eine Pornografie der Korrektheit? Das passiert mir immer, dachte ich. Meine Masturbation ist viel zu intellektuell geworden, viel zu diskursiv, um noch möglich zu sein. Seit Monaten verspüre ich keine sexuelle Erregung mehr. Mein Drang ist es, Pornobilder zu dekonstruieren, unglaublich!, rief ich aus. Mein Hunger nach Groteskem wird mich zerstören, rief ich im Kreis gehend. Dieser Drang, in jedem Detail das Groteske zu finden, wird mich umbringen!
Wenn er also auf jemanden traf, der auf seine diesbezüglich sensibilisierten Sensoren ansprang, und somit wertig genug erschien, genauer untersucht zu werden, dann setzte eine für Tommis Verhältnisse ungewöhnlich hohe Konzentrationskraft ein. Sogleich begann er, sich auf seine Beute zu fixieren. Passte es tatsächlich, dann türmte sich die Begeisterung beängstigend groß auf. Denn wenn sich wirklich etwas entzündete, also wenn Tommi eine neue Bekanntschaft als lohnenden Begehr ausgemacht hatte, dann, ja dann gab es von diesem Moment an keine Begrenzungen mehr. Das konnte ungeheuer ausarten. Alles fußte dabei auf der simplen Grundlage, dass ein anderes Wesen die superkomplexen Tommi-Codes verstehen und damit genauso geschickt spielen konnte wie eigentlich nur er selbst. Wenn das aber doch einmal passieren sollte, trotz all seiner immensen Ansprüche und Hürden, dann gab es lange kein Luftholen mehr. Für beide. Völlige Kochen. Die noch frische Liaison vergoss sich in Raserei. In einem Erschöpfungstaumel.
Prominenten gegenüber konnten die Medien nur zwei Haltungen einnehmen: sie verehren oder auf sie eindreschen. Und da Trauer die höchste Form der Verehrung war, stellte man den Tod von Prominenten verständlicherweise über alles; außerdem erlaubte ihr Tod den Medien, sie zugleich zu verehren und auf sie einzureschen. Das war eine unschlagbare Kombination.
Da sie keine Antwort gab, zog ich in der eintretenden Stille die Möglichkeit in Betracht, dass ich ein sehr langweiliger Mensch war. Wer außer einem Langweiler gab schon derartige Belanglosigkeiten von sich? Wenn ein hochintelligentes Schwein, das Wunderkind des Scheunenhofs, sein ganzes Leben damit verbracht hätte, Russisch zu lernen, und, nachdem es die Sprache endlich perfekt beherrschte, als Erstes hören würde, was ich da verzapfte, dann müsste es sich doch fragen, warum es seine besten Jahre verschwendet hatte, wenn es sich im Schlamm hätte suhlen und mit seinen stummen Artgenossen aus dem Trog hätte schlabbern können.
Es ist verhext: Bis auf eine halbe Ausnahme will keine der Frauen, die sich je meine Liebe gefallen ließen, auch nur das geringste von mir wissen, seit der eine den anderen verließ. Selbst das Mädchen, dem ich im Alter von elf Jahren meinen ersten Kuß gegeben habe und deren Reize mir kurz darauf schon unauffindbar waren, selbst die wenigen Frauen, die von mir vor die Tür gesetzt wurden, sind noch immer oder längst wieder in meinem Herzen. (…) Daß ich mit einem Menschen etwas Intimes teile und wir uns an einer noch so unscheinbaren, noch so kleinen Stelle berührt haben, das genügt, um mich ein Leben lang zu ihm hingezogen fühlen, zugehörig. (…) Daß wir, ohne darüber nachzudenken oder es uns nur bewußt zu machen, eine Gegenwart teilen – das ist doch wertvoll. Entweder sind ihr so viel mehr Schätze zugefallen als mir, daß sie die Nähe, die mich für immer von ihr infiziert hat, vergessen kann, oder sie und alle anderen sind blind für das wenige, das uns von der Welt außerhalb der unseren zuteil wird.
Hausarbeit, das ist bitterste Vergänglichkeit, ein hämischer Schatten, der uns im Alltag wie ein quälender Geist verfolgt. Hausarbeit macht traurig, Hausarbeit erinnert uns ans Sterben.
Seht ihr die Sache vor euch? Seht ihr irgend etwas? Mir kommt es vor, als versuchte ich, euch einen Traum zu erzählen – als machte ich nutzlose Anstrengungen, denn keine Traumwiedergabe vermag die Traumempfindung zu vermitteln: jene Mischung aus Ungereimtheit, Überraschung und Bestürzung in einer Aufwallung hilfloser Empörung, jene Vorstellung, vom Unfasslichen eingefangen zu sein, was ja geradezu das Wesen der Träume ausmacht. Nein, es ist unmöglich; es ist unmöglich, das Lebensgefühl einer bestimmten Epoche unseres eigenen Daseins anderen zu vermitteln – das, was deren Wahrheit, deren Sinn ausmacht -, deren zartes und durchdringliches Wesen. Es ist unmöglich. Wir leben, wie wir träumen – allein …