Wir sollten uns weiß Gott unserer Tränen niemals schämen, denn wie ein sanfter Regen spülen sie den verhüllenden Erdenstaub von unseren verstockten Herzen.
Es war etwas in ihm, etwas Wildes, Regelloses, Kulturloses, das mußte erst zerbrochen werden, eine gefährliche Flamme, die mußte erst gelöscht und ausgetreten werden. Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Gefährliches. Er ist ein von unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie der Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muß, so muß die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken.
Am Ende fressen die Städte uns doch nicht. Sie schlingen uns nicht in ihre Gedärme herunter wie Jonas, lassen uns nicht im Zwielicht endloser unterirdischer Netze verschwinden, sondern sie verwandeln uns; sie bewohnen uns, nicht wir sie, sie verändern unseren Gang, geben unseren Schritten den Rhythmus vor, lenken unsere Aussprache und unsere intimsten Gewohnheiten. Man ist wohl nur auf dem Land wirklich man selbst, zwischen Kühen oder in einer Klosterzelle.
Wir sind nur eins, wiederholte sie bei sich selbst. Solange sie irgend etwas, was geschehen war, Pierre noch nicht erzählt hatte, war es nicht ganz wahr; es schwebte dann noch reglos und ungewiß in einer Art von Nimbus umher. Früher, als Pierre ihr noch scheue Bewunderung einflößte, gab es eine Menge Dinge, die sie auf diese Weise einfach verschwinden ließ: fragwürdige Gedanken, unüberlegte Handlungen; wenn sie nicht davon sprach, war es beinahe so, als wäre es nicht geschehen; das ergab unterhalb der eigentlichen Existenz ein dichtes Gestrüpp von schamhaft verborgenen Dingen, in dem man ganz allein war und zu ersticken drohte. Dann, ganz allmählich, hatte sie sich daran gewöhnt, alles mitzuteilen; es gab für sie nun kein Alleinsein mehr, aber sie fühlte sich dafür aus diesem unterirdischen Dickicht erlöst. Alle Momente ihres Lebens, die sie Pierre anvertraute, gab er ihr hell durchleuchtet, geglättet, abgerundet zurück, und es wurden nun Augenblicke ihres gemeinsamen Daseins daraus.
If my people lived in another country, they would rock!
Die beiden Geister hatten Dorothy und Juan Diego das Kirchlein nicht betreten sehen; nicht nur dass sie nicht verschwanden, sondern sie schauten weiterhin flehend auf Maria und Jesus – als glaubten sie, allein und unbeobachtet in der Kapelle zu sein.
Juan Diego hätte gedacht, wenn man tot und ein Geist war, würde man – besonders in einer Kirche – anders auftreten. Würde man in diesem Fall nicht auf religiösen Beistand verzichten können? Würde man dann die Antworten nicht schon irgendwie kennen?
Doch diese beiden Geister wirkten genauso ratlos wie alle beunruhigten Liebenden, die je Maria und Jesus betrachtet hatten, ohne zu verstehen. Diese beiden, das wusste Juan Diego, hatten überhaupt keine Ahnung. Diese beiden toten Soldaten waren nicht besser informiert als Lebende; die beiden jungen Geister suchten immer noch nach Antworten.
Kein Wunder, dass diese armen Vormodernen verrückt und gemein und kreuzunglücklich waren. Ihre Welt gestattete ihnen nicht, die Dinge leichtzunehmen, erlaubte ihnen nicht, vernünftig, tugendhaft, glücklich zu sein. Angesichts von Müttern und Liebhabern, angesichts von Verboten, die einzuhalten sie nicht konditioniert waren, von den vielen Versuchungen und individuellen Reuegefühlen, den vielen Krankheiten und endlos isolierenden Schmerzen, den vielen Ungewissheiten und der Armseligkeit – sie konnten gar nicht anders als stark zu empfinden. Und da sie stark empfanden (stark zumal ganz allein, in hoffnungslos vereinzelter Isolation), wie konnten sie da stabil sein?
Er begriff, daß man in Gefahrenmomenten nie gegen einen äußeren Feind kämpft, sondern immer nur gegen den eigenen Körper. Trotz des Gins verhinderte jetzt der dumpfe Schmerz in seinem Bauch jedes logische Denken. Und in allen scheinbar heroischen oder tragischen Situationen, das erkannte er, war es genauso. Auf dem Schlachtfeld, in der Folterkammer, auf einem sinkenden Schiff gerieten die Dinge, für die man kämpfte, immer in Vergessenheit, weil der Körper anschwoll, bis er das Universum ausfüllte, und selbst wenn einen die Angst nicht lähmte oder man vor Schmerz nicht schrie, war das Leben von Augenblick zu Augenblick ein immerwährender Kampf gegen Hunger oder Kälte oder Schlaflosigkeit, gegen Sodbrennen oder Zahnschmerzen.
Ein schrecklich kalter Winter war es. Ehe er ihn überstanden hatte, dachte er, würde er aussehen wie eine der kümmerlichen Fichten, die windabwärts schräg aus dem Schiefer und den Flechten des Gebirgskammes wuchsen. Wenn er durch das blaue Winterzwielicht zwischen großen Felsblöcken und den Ruinen riesiger, im Wald hingestreckter Bäume den Berg heraufkam, wunderte er sich über eine solche Umwälzung. Unordnung in den Wäldern, umgestürzte Bäume, die neue Wege nötig machten. Wäre er zuständig, würde er alles ordentlicher machen in den Wäldern und in den Seelen der Menschen.
Sie zwei sind eins, nichts kann dazwischen kommen, ein rasches Wort kann betrüben, aber nicht zerstören. Aber früher war doch alles anders. Sie waren jung, sie waren verliebt, ein Strahlenstreif lief durch alles, eine glänzende Silberader auch durch das dunkelste Gestein. Heute ist alles zerschlagen, Berge trüben Schutts und dazwischen einmal ein strahlender Brocken. Und wieder Schutt. Und wieder ein bisschen Strahlen. Sie sind noch jung, sie lieben sich noch, ach, vielleicht lieben sie sich noch viel mehr, sie haben sich aneinander gewöhnt – aber es ist dunkel überhängt, darf unsereins lachen? Wie kann man lachen, richtig lachen, in solcher Welt mit sanierten Wirtschaftsführern, die tausend Fehler gemacht haben, und kleinen entwürdigten, zertretenen Leuten, die stets ihr Bestes taten? ‘Ein kleines bisschen gerechter könnte es gerne zugehen’, denkt Lämmchen.